Rückblick auf die Veranstaltung: Neue Recyclingquoten in der EU

31. May 2018 Kategorie Association News

Unter dem Titel „Neue Recyclingquoten der EU – Was kommt auf die Schweiz zu“ präsentierte unter dem Patronat von Swiss Plastics und PVCH eine Reihe namhafter Referenten am 29.5.2018 eine gelungene Tour d‘ Horizon über die gesamte Breite des Themas.

Im Seminarraum  des Restaurants zum Schützen in Aarau eröffneten Silvio Ponti, Präsident und Kurt Röschli, Geschäftsführer Technik des Verbands Swiss Plastics die Veranstaltung. Silvio Ponti präsentierte die aktuellen Schwerpunkte des Verbands, die Aus- und Weiterbildung, Nachhaltigkeit, Förderung von Innovation und die Vertretung in Bundesbern und betonte, dass die Schweizerische Kunststoffindustrie stark mit der Europäischen vernetzt und auf internationale Zusammenarbeit angewiesen sei, es sich hier also um eine Europäische Veranstaltung handle.

Claude Bastian, Leiter Ressort Regulatorisches/Normen bei Swiss Plastics, zeigte in seiner Einleitung auf, dass es sich nicht um ein neues Thema handle, dies aber eine neue Intensität erhalten hat. Abfall ist sichtbarer und die Thematik emotionaler geworden. Darauf hat die EU mit Ihrer Plastics Strategy reagiert und erwartet eine Eindämmung von Abfällen und Littering sowie verbessertes Recycling. Für die Kunststoffindustrie heisst das auch, ein auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes Management und verantwortungsvolle Unternehmensführung. Also „from product stewardship to market stewardship“ und er betont, dass Nachhaltigkeit Chefsache ist, aber von jedem Mitarbeiter im Unternehmen mitgetragen werden muss.

Zusammenarbeit mit Plastics Europe

Der Hauptgeschäftsführer von Plastics Europe, Rüdiger Baunemann, zeigte auf, wie viel die Kunststoffhersteller bereits tun und sieht Parallelen zur Einführung von REACH. Heute haben aber - was immens wichtig ist - die Akteure gelernt, sich auszutauschen und zusammen zu arbeiten. So führt Plastics Europe sämtliche europäischen Verbände zusammen, wodurch eine Stimme bei der EU Kommission geeint in Erscheinung tritt und damit die Effizienz stark gesteigert wird. Nachhaltigkeit und Circular economy sind die Kern-Themen des Kunststoffs in den nächsten 10 bis 15 Jahren, auch weil die Kommission u.a. eine Recyclingquote bei Verpackungen von 100% und „ein stringentes Design for Recycling“ fordert.

Tatsache ist und bleibt aber, dass heute 350 Millionen Tonnen Kunststoff pro Jahr erzeugt und in irgendeiner Form wieder entsorgt werden müssen und dabei der überwiegende Nutzen von Kunststoff an Sichtbarkeit verliert. Es liegt also auch an der Industrie, die bekannten Vorteile des Materials, wie Energieeffizienz im Bau, verbesserte Haltbarkeit von Lebensmitteln, Automobil-Leichtbau und viele weitere Bereiche, in denen eine intelligente Verwendung von Kunststoffen ein x-faches der Energie spart, die zur Herstellung des Kunststoffs eingesetzt werden muss. Einig sind sich alle darin, dass die Verschmutzung der Meere gestoppt werden muss. Doch dazu wäre ein Verbot von Abfalldeponien einfacher und konsequenter als das Verbot von Trinkhalmen, Ballonhaltern und Einweggeschirr. So hat sich Plastics Europe unter anderem das Ziel gesetzt, die Ökobilanzen der Kunststoffe weiter zu entwickeln und die Sensibilisierung auch bei der Bevölkerung weiter voranzutreiben, um die positive Sensitivität des Kunststoffs nachhaltig zu verbessern.

VinylPlus auf der Zielgeraden

Bei Vinyl wurden die Bestrebungen der Kreislaufwirtschaft und Recycling schon anfangs 2001 initialisiert. Zdenek Hruska von VinylPlus zeigte die Recyclingentwicklung in eindrucksvoller Art und Weise auf. So setzte sich VinylPlus das freiwillige Ziel, bis ins Jahr 2020 800‘000 Tonnen an PVC p.a. zu recyclen und hat 2017 bereits 640‘000 Tonnen p.a.  erreicht. VinylPlus legt Wert darauf, dass ein realistisches Gleichgewicht zwischen ökologischem und ökonomischem Einsatz anzustreben ist.  

Arbeitssicherheit unterstützt Nachhaltigkeit

Die Kunststoffindustrie funktioniert nur nachhaltig, wenn mit den Chemikalien sicher umgegangen wird. Damit dies auch so ist, steht die Arbeitssicherheit im Fokus. Dazu zeigten  Walter Eggimann und Willy Zehnder, Partner I+K AG, den Experten für regulatorische IT Lösungen die Kernthemen in diesem Bereich auf. Sie legten dabei besonderen Wert auf die Konsistenz, Durchgängigkeit und Vernetzung der Daten. Denn nur mit standardisierter und immer verfügbarer Information, kann diese Sicherheit gewährleistet werden. Auch hier zeigte sich die Wichtigkeit der Vernetzung der Schweiz mit Partnern aus und in der EU. Vor allem wiesen die beiden Experten darauf hin, dass dies auch dem Stand in der EU entspricht und die Schweiz nicht einfach im Alleingang unterwegs ist.

Verbote von Chemikalien – Sonderfall Schweiz

Dominique Werner  von Scienceindustries informierte über die aktuelle Entwicklung der Verbote von Chemikalien, die unter dem Begriff REACH zusammengefasst sind. Und erklärte bei dieser Gelegenheit Begriffe wie REACH, ECHA und ähnliche. Allerdings zeigte sich hier leider eine Eigenheit der Schweizer Gesetzgebung; so kann nämlich in vielen Fällen nicht einfach an die EU Normen angedockt werden, sondern vieles wird unter dem Sammelbegriff ChemRRV spezifiziert resp. subsummiert und auch geregelt. Die meisten Teilnehmer waren etwas verwirrt über diese Tatsache, die unter Anderem die Folgen einer Nichtmitgliedschaft der Schweiz der EU aufzeigte.

Dann kam Dominique Werner auf weitere spezifische Themen der Schweizer Gesetzgebung zu sprechen. So will die Motion Wobmann eine Abschaffung der längst fälligen und mit dem BAFU besprochenen VOC Abgaben. Das BAFU will aber im gleichen Zusammenhang die Grenzwerte der gleichen Stoffe (zum Beispiel von Styrol) um einen Faktor von 6 bis 10-mal heruntersetzen und subsummiert dies in der neuen LRV 23 (Luftreinhalteverordnung).

Gerade hier zeigt sich die Wichtigkeit der Vernetzung von Swiss Plastics mit anderen Verbänden wie z.B. Scienceindustries. So können (und müssen) verschiedene Verbände für eine so wichtige politische Vorlage zusammenstehen und politischen Druck aufbauen. „Kommt der Gesetzgeber mit dieser Motion durch, wären bei Swiss Plastics rund 100 KMU betroffen, die mittelfristig 1,5 bis 2 Mio CHF in Abluftanlagen in ihren Betrieben investieren müssten. Das könnten vielleicht 5 der 100 erwähnten Betriebe stemmen, der Rest wäre tot“, so Kurt Röschli.

Qualität statt Quantität – Recycling bei der Migros

Christine Wiederkehr-Luther, Leiterin Umwelt beim Migros Genossenschafts-Bund beschrieb, wie Migros dem Ziel eines geschlossenen Kreislaufs näher kommt. Sie setzen  mit ihrem Recyclingangebot von PET und Plastikflaschen auf das Sammeln ausgewählter, sortenreiner Kunststoffverpackungen und somit auf Qualität statt Quantität. Da die Migros nicht nur Detailhändlerin, sondern auch Produzentin ist, erreicht sie bei diesen Gebinden eine Recyclingquote von 78%. Unter dem Aspekt „Vermeiden-Vermindern-Verwerten“, wird zudem stark auf recycelbares Design gesetzt.

Die Herausforderung Pharma-Blister

Stefan Bokorny, Geschäftsführer IE Industrial Engineering Zürich AG, illustrierte lebhaft, was mit Pharma-Blistern erreicht werden kann. Im Bereich der Blister-Verpackungen für Tabletten steht die Industrie vor einer besonderen Herausforderung. Einerseits verbleiben im Schnitt rund 70% der Tabletten in der Verpackung, was das Recycling nahezu verunmöglicht und andererseits darf für solche Verpackungen kein Rezyklat verwendet werden und zudem bieten nur Verbundmaterialien den nötigen Schutz für die verpackten Medikamente. Hier war Kreativität gefragt und nun werden vor allem Abfälle aus der Produktion, wie zum Beispiel die Stanzgitter rezykliert. Dazu werden sie gemahlen und können so wieder in Kunststoff und Aluminium aufgeteilt werden.

Energy Recovery

Was nicht wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden kann, wird dann in Energie umgesetzt. Unter dem Stichwort „Energy Recovery“ arbeitet Perlen Papier heute mit rund 40% Verbrennungsenergie, die sie aus der modernen und umweltverträglichen Kehrichtverbrennungsanlage Renergia bezieht. Eindrücklich auch, so Bokorny, dass damit rund 40 Mio. Liter Erdöl eingespart werden kann, was einer Reduktion von 90‘000 t pro Jahr an CO2 ausmacht. Anschaulich dargestellt ergibt dies rund 3000 Bahnwagen der SBB an Einsparungen, was ziemlich genau der Strecke Zürich Langenthal entspricht!

Aus Fenstern werden Fenster

Ein gutes Beispiel für PVC-Recycling demonstrierte zum Schluss Alexander Möhne, der Vertriebsleiter VEKA Umwelttechnik GmbH. Die VEKA betreibt das grösste Fensterprofil-Recyclingwerk in Europa, wo ein Rezyklat aus Fensterprofilen entsteht, das zu gut zehn Prozent wieder im Kern neuer Profile eingesetzt werden kann. Zur Vereinfachung des Prozesses für den Kunden bietet VEKA verschiedene kostenlose Sammelsysteme an, darunter auch Container, die direkt auf der Baustelle platziert werden können. Das Fenster-Recycling bietet in der Zukunft noch viel Potenzial, in der Schweiz steckt es noch in den Kinderschuhen und in Europa wird ein grosser Schub erst noch erwartet.

Kunststoffe - zum Wegwerfen zu schade

Zusammenfassend  sagte Kurt Röschli: „Es nützt nichts, wenn wir als Kunststofffraktion einfach immer wieder die guten Eigenschaften des Kunststoffes predigen - die sind hinlänglich bekannt - es ist eine Tatsache, dass genau durch die guten Eigenschaften wie z. B. die Langlebigkeit, der „Güsel“ eben auch langlebig ist und bleibt. Und genau das ist das Problem, das es zu lösen gilt.

Auch wenn die Schweiz kein EU-Mitglied ist, kommt sie als Exportland nicht darum herum, sich den Umwälzungen in den Mitgliedstaaten anzuschliessen. Dass Recycling schon funktioniert, zeigen die Verbandsmanager der beiden Fraktionen Polyolefine und PVC. Da geschieht schon sehr viel. Es ist auch wichtig, dass die Industrie etwas tut, bevor es irgendwann einfach per Gesetzesdekret zu einem Fakt wird, das Politiker beschlossen haben. Wichtig ist zudem auch die Vernetzung und die Koordination vis-à-vis der Kommissionen. Hier tut es Not, dass eine Stimme – die Stimme des Kunststoffs – spricht. Auch wenn sich Probleme wie Marine Littering nicht bei uns manifestieren, und ein Problem der ganzen Bevölkerung darstellt, muss die Industrie anschieben und auf das Problem aufmerksam machen und die Verbraucher sensibilisieren.

Kunststoffe bestehen aus Erdöl. Auch das ist auch nichts Neues, aber auch nichts Negatives. Damit ist genau in diesem Werkstoff viel Energie vorhanden, die teilweise leider nicht mehr genutzt wird.  „Kunststoffe - zum Wegwerfen zu schade“ muss in der ganzen Kette bis hin zum Verbraucher das Credo werden.“